„Eine Irrfahrt durchs Leben im 20. Jahrhundert“: James Joyces „Ulysses“

Susanne Lüdtke im Gespräch mit der freien Journalistin Julia Lutzeyer

An vier Dienstagen im August dreht sich in der Stadtbücherei Esslingen alles um James Joyces Mammutwerk „Ulysses“. Geführt und betreut wird das „Literaturgespräch im Sommer“ von Susanne Lüdtke. Als Literaturwissenschaftlerin und Leiterin der Veranstaltungsreihe „Leselust“ weiß sie, wie viel tiefer man in ein Werk eintauchen kann, wenn man es nicht nur liest, sondern sich mit anderen Interessierten über die Sprache, den Stil und das Erzählte auch austauschen kann.

Frau Lüdtke, haben Sie Angst vor James Joyce?


Susanne Lüdtke: Angst nicht, ich würde eher sagen Respekt. Das gilt schon für den Umfang des Werkes, denn gute 1000 Seiten sind allein schon eine Herausforderung. Vielmehr gilt das allerdings für den gewöhnungsbedürftigen Stil des Autors, der uns weniger eine stringente Geschichte erzählt als vielmehr in die Köpfe der Figuren blicken lässt, dabei seine Stilmittel von Kapitel zu Kapitel ändert und auf diese Weise von seinem Lesepublikum Offenheit, Aufmerksamkeit, Flexibilität fordert.

Hand aufs Herz: Haben Sie „Ulysses“ schon einmal komplett gelesen?

Ich hatte bisher immer nur angefangen oder einzelne Passagen gelesen. Um ehrlich zu sein: Das Sommerseminar ist auch (neben der Arbeit) ein bisschen ein Geschenk an mich selbst. Endlich mal Zeit für diesen Jahrhundertroman!

Wenn Sie „Ulysses“ in einem Satz beschreiben sollten, was würden Sie mitteilen wollen?

Ein 18-stündiger Spaziergang am 16. Juni 1904 durch die Stadt Dublin an der Seite des Anzeigenakquisiteurs Leopold Bloom am Strand, durch die Straßen, durch Kaschemmen und Bordelle mit Kumpanen und zufälligen Begegnungen, wobei die Gedanken, Gefühle, Assoziationen und alles, was sonst noch im Kopf herumspukt, eine teils humorvolle, teils rätselhafte Melange mit der Realität eingeht, ja, zur eigentlichen Wirklichkeit wird.

Joyces berühmt-berüchtigter Roman ist Thema des „Literaturgesprächs im Sommer“. Warum ausgerechnet dieses Werk?
Weil es zwar das berühmteste Werk des 20. Jahrhunderts ist, gleichzeitig aber vielleicht das am seltensten gelesene. Und wann haben wir mehr Zeit als in der sogenannten Sommerpause?

Von 18 Kapiteln stehen an den vier Terminen des Literaturgesprächs acht zur Debatte. Nach welchen Kriterien haben Sie diese ausgesucht?

Es sollten inhaltlich und stilistisch ganz unterschiedliche Passagen sein. Jeder Lektüre-Teil für die einzelnen Gesprächstermine sollte nicht mehr als 100 Seiten umfassen, damit die Lust am Lesen erhalten bleibt.

Wenn Sie eine Textstelle bestimmen müssten, die Sie besonders fasziniert und beschäftigt: Welche wäre das?

Das letzte Kapitel, Mollys Monolog, mit Sätzen von mehreren tausend Wörtern, ohne Satzzeichen. Da gerät man in einen flow, der in der Literatur wohl ohnegleichen ist.

In die Literaturgeschichte ist „Ulysses“ eher wegen seiner Erzählweise eingegangen, weniger wegen des Inhalts. Ist das gerecht?

Die Erzählweise wird ja immer mit dem inneren Monolog charakterisiert. Aber dahinter steckt doch, dass hier eine völlig neue Auffassung von Wirklichkeit steht. Das innere Geschehen ist genauso wichtig wie das äußere, es ist sogar vielfältiger, ausgreifender und phantastischer als die Aneinanderreihung von Fakten. Und das ist das eigentlich Neue und bis heute Eigene im Stil von James Joyce. In seinem letzten Werk „Finnegans Wake“ wird das noch weiter getrieben bis in einzelne Wörter hinein und teilweise bis zur Unverständlichkeit.

„Ulysses“ geht auf Homers „Odyssee“ zurück: Hilft es für das Verständnis von Joyce, das
antike Epos zu kennen?
Es gibt ein Schema des Werkes von James Joyce, in dem jedes Kapitel mit einem Begriff oder einem Namen der „Odyssee“ verbunden ist. Er war ja ein sehr gebildeter Mensch, Jesuitenschüler seit seinem sechsten Lebensjahr, der sich in der klassischen Literatur sehr gut auskannte. Da hat er also einen klaren Bezug hergestellt. Im Text selbst darf man aber nicht krampfhaft danach suchen. Natürlich gibt es einzelne Anspielungen, aber wichtiger ist doch die Frage, wer die heutigen Helden sind und wie eine Irrfahrt durchs Leben im 20. Jahrhundert aussieht. Und da gibt es dann spannende Antworten, die wir hoffentlich gemeinsam finden werden.

Was versprechen Sie sich vom viertägigen Literaturgespräch?

Einblick in ein Werk der Weltliteratur, dem man sich gemeinsam und im Gespräch viel besser annähern kann als allein.

Was erwartet die Teilnehmenden: Steht der Ablauf fest oder haben sie Einfluss darauf?

Tag, Ort, Kapitelauswahl sind festgelegt. Aber da wir uns dem Text im Gespräch nähern, kann es immer Überraschungen, neue Sichtweisen oder auch Fragen geben, die sich beispielsweise auf das Leben von James Joyce beziehen. Da sind wir offen. 

Welche Voraussetzungen sollte mitbringen, wer beim Literaturgespräch dabei sein möchte?

Sinnvoll wäre es, wenn die genannten Kapitel bereits vorher gelesen würden. Aber Sie müssen nicht literaturwissenschaftlich gebildet sein. Wir wollen ja gerade lesefreudige und literaturinteressierte Menschen ansprechen, die vor einem Seminar an der Uni vielleicht zurückschrecken würden, sich aber andererseits ernsthaft und intensiv mit einem Werk auseinandersetzen möchten.

Kann man dabei sein, wenn man nicht alle vier Termine wahrnehmen kann oder will?

Es wird sicher Teilnehmerinnen und Teilnehmer geben, die nicht alle vier Termine wahrnehmen können. Das ist dann schade, aber nicht zu ändern. Anders ist es vielleicht, wenn von vornherein nur ein Besuch geplant sein sollte. Das ist vielleicht weniger sinnvoll, weil die Entwicklung des Gesprächs in der Gruppe sicher auch von Bedeutung ist.

Sie leiten die monatliche Leselust: Welche Erfahrungen und Erkenntnisse bringen Sie aus dieser Reihe mit?

Es ist immer eine intensive Auseinandersetzung mit dem Werk, das wir uns gerade vorgenommen haben. Die Auswahl der Bücher geschieht ja auch gemeinsam. Wir sind dann sehr konzentriert, aber es wird auch oft gelacht. Es ist so eine Literatur-Insel, auf der alles andere mal für den Moment in den Hintergrund tritt und wir uns für diese kurze Zeit einfach über die gemeinsame Lektüre definieren und das Gespräch darüber. Ich glaube auch, dass der Ort, die Stadtbücherei, und die Moderation dazu beitragen, dass hier keine Privatgespräche und ähnliches aufkommen, sondern wir ganz bei der Literatur bleiben. Dadurch hat sich ein Kreis von 20 bis 30 Personen entwickelt, die sich inzwischen kennen, sich aufeinander freuen und alle aktiv mitmachen.

Wer interessiert sich fürs gemeinschaftliche Lesen und Diskutieren?

Na ja, es sind wie bei vielen anderen Kulturveranstaltungen überwiegend Frauen. Alle haben den Eindruck, dass Bücher noch tiefer wirken, noch besser verstanden werden können, wenn man gemeinsam einen Blick darauf wirft und vielleicht noch den einen oder anderen Hintergrundaspekt erfährt. Das Lesen selbst ist ja eine einsame Beschäftigung, das kann auch sehr schön sein. Aber das miteinander Sprechen darüber, ist eine sehr gute Ergänzung, findet die Gruppe.

Warum findet sowohl die „Leselust“ als auch das „Literaturgespräch im Sommer“ am Vormittag statt? Salons verbindet man eher mit dem Abend?

Die Salonkultur ist eine Form der Vergangenheit. Als die Leselust-Reihe begann, hatten wir so viele Teilnehmer, dass die Gruppe geteilt wurde: eine fand vormittags, eine am Abend statt. Bald stellte sich heraus, dass den meisten der Termin am Morgen lieber war. Sie fühlten sich tagsüber wacher, aufnahmefähiger und aktiver. Das galt nicht nur für die Älteren, sondern auch für Selbständige mit freier Zeiteinteilung und für Eltern mit schulpflichtigen Kindern. Auch ihnen passte der Vormittag besser. Zumal es in beiden Formaten nicht um den entspannten Konsum von Literatur geht, was man abends nach einem Arbeitstag sicher angenehm findet. Die Kulturarbeit am morgen ist als aktives Mitmach-Programm daher die modernere Form.

Das „Literaturgespräch im Sommer“ besteht aus vier Terminen zu je vier Stunden und ist nur einem Werk gewidmet: Abgesehen von dieser Konzentration – wird es im Kern anders ablaufen als eine „Leselust“-Veranstaltung?

Auch diese Mehr-Zeit wird nur eine Annäherung an dieses hochkomplexe Werk der Moderne ermöglichen. Aber immerhin werden wir doch einen Eindruck haben nach den vier Sitzungen. Und ein wesentlicher Unterschied ist das Hören. Es gibt verschiedene Hörbuchfassungen, die wir immer mal wieder einspielen wollen. Dann kann man die Augen schließen und sich einfach der Musik der Sprache hingeben. So hoffen wir einen angenehmen Wechsel zu erreichen zwischen Arbeit am Text und Lust an der Literatur.

Vielen Dank für das Gespräch.