Angelika Hentschel und der erinnerte Garten der Großeltern
Portrait von Julia Lutzeyer mit Gedichten der Lyrikerin und Arbeiten der bildenden Künstlerin

Schale

Lege dich wie ein Tuch aufs Land
In die Falten der Erde
Leicht wie Wind
Und das Licht auf der Welt

Sprenge die Schale
Und spreize die Flügel
Schaukel im Wind
Vor Glück

„Was da wächst und gedeiht kann man gar nicht besser machen“, sagt Angelika Hentschel draußen in der Sulzgrieser Natur. Ein Herbsttag, das Laub in allen Farbschattierungen, als sei man mitten im „indian summer“, und doch kleidet es längst nicht mehr die bald nackten Äste und Zweige, liegt schon zuhauf auf der mit gefallenden Äpfeln übersäten Wiese. Streuobst in Frucht und Blatt. Schon ganz durcheinandergewirbelt, die heilige Ordnung, und durchzogen mit dem ersten, noch süßlich-fruchtigen Duft der Verwesung.
Die Natur ist Angelika Hentschels Refugium. Das war schon als Kind so, das stiller als manch anderes, im großelterlichen Garten aufblühte und nicht genug bekommen konnte von all dem Wurzelnden, Sprießenden, Austreibenden und Sich-Verzweigendem. Reines Glück, eine Ur-Erfahrung! Dass manche Frauen indigener Völker Erde essen: Sie kann’s verstehen, auch wenn sie es ihnen nicht gleichtut. Schließlich hat die 1952 in Ludwigsburg geborene Künstlerin andere Wege gefunden, sich die Natur einzuverleiben. Sammelnd und bewahrend, zeichnend, malend oder druckend neu komponierend, mit ins Papier gesetzten Objekten sich ausbreitend im Raum und längst auch dichtend.


Rosen

Lächeln
Gedanken vergessen

Moosige Ecken
Schatten an Wänden

Gras matt und rau
Wurzeln aus einer anderen Zeit
Am Ende des Gartens

Ringelblumen und Rosen
Unter dem Baum

„Welchen Ausdruck ich auch wähle: Er hat sich ganz selbstverständlich in mein Leben geschlichen“, erzählt die Künstlerin, die noch so vieles anderes ist. Leiterin der Kunstakademie Esslingen zum Beispiel, wo sie selbst lernte, als Dozentin und zweifache Mutter. Es sind die geradezu übermächtigen Empfindungen beim Anblick der sich ständig wandelnden Farben, Formen und Strukturen der Natur, die dieses Bedürfnis nach Ausdruck in ihr lebendig halten. Dabei geht es ihr nicht ums bloße Wiedergeben, Vervielfältigen und Nachahmen. Wohl eher um das Weiterspinnen und Wiederfinden ihres Staunens über das, was Jahr für Jahr mit den Elementen kommt und verschwindet, aber niemals aufhört zu sein. Dieses ganze Material selbsttätig zu erfassen, zu arrangieren, neu zu ordnen und zu befragen – das ist ihr wie ein fortgesetztes Gründeln, Entdecken und Erforschen im Paradiesgarten ihrer Kindheit.
Ob diese Quelle der Inspiration nicht einmal versiegen könnte, wagt man kaum zu fragen.
Zu reich sprudeln die schon realisierten und noch denkbaren Ideen: Gemälde, Farbradierungen, Wachsarbeiten, in Seidenpapier eingekapselte Blütenstände als raumgreifende Installation, zwischen Schlafen und Wachen niedergeschriebene Gedanken, die so dicht und komplex die Notizbücher füllen, dass sie ohne große Eingriffe als Gedichte taugen, und – erst im Werden – das Zusammentreffen von Lettern mit den Formen und Farben der Leinwand. „Das gemalte Bild kann ja nicht alles sein“, findet die Schöpferin all dessen.


Weg

Im herbstlichen Laub
Versinken langsam die Bäume

Hinter dem Himmel
Reift nichts
Als Zeit

So wie Angelika Hentschel feinste Antennen für alles Kreatürliche um sie herum hat, scheinen ihre Talente wie selbstverständlich ans Licht zu drängen. Mit dem Zeichnen begann sie als junge Mutter. Aus einem Bedürfnis heraus, aber ganz ohne Zwang. Ihre frühen Gemälde zeigen eine Nähe zum Surrealismus und zum phantastischen Realismus. „Irgendwann hatte ich genug davon, dass die Bilder mit Rückschlüssen auf mich als Schöpferin interpretiert und nicht für sich betrachtet wurden“, begründet sie ihre prompte Abkehr von dieser Phase.
Doch auch wenn sie längst vorgedrungen ist zu sich auflösenden Umrissen und ins Abstrakte, versteht sie sich weiterhin als „gegenständliche Malerin“. Eine, die das Handwerk braucht „genau wie ein Schreiner“, der aber ein freier Ausdruck vorschwebt. Ihre Bilder umkreisen oft ein selbst gesetztes Thema, um dem „haltlosen Durcheinander“ zu entkommen, heißen „Vogelflug“, „Blüte und Kapsel“ oder „In Gras“. Ihre Herausforderung findet sie nicht im perfekt Gelingenden. „Wenn ich etwas gut kann, möchte ich es lassen. Meine Herangehensweise ist eher, das Unschöne anzugehen.“ Die Fertigkeit, ihre Motive auch altmeisterlich und idealperspektivisch erfassen zu können, bleibt dennoch ihre Basis.
Vor etwa 15 Jahren kam Angelika Hentschel dann zum Schreiben, auch wenn sie schon immer geschrieben hat, etwa auf Reisen und auch dort über die Natur, die sich ihr bot. Doch nun begann der schriftliche Ausdruck den Tagen Struktur zu geben. Nicht mit Blick auf ein Publikum, sondern zunächst als eine geradezu meditative Ernte der dahinfließenden Gedanken in den frühen Morgenstunden. Eine Zeit, die so privat und selbstbestimmt ist, wie wenig andere Momente des Tages. Und doch muss man sie ergreifen als günstige Gelegenheit, die andernfalls unproduktiv verfliegen würde, als wäre sie nie gewesen.
So füllte sich Notizbuch um Notizbuch. Bis die Zeit reif war, die zwischen Schlafen und Wachen erhaschten Gedanken erneut zu sichten, in Form zu bringen und als Datei vor dem Verblassen zu bewahren. Kaum vorstellbar, dass Angelika Hentschel ihre Einflüsterungen weitgehend so übernimmt, wie sie ihr in der frühen Stunde in den Sinn kamen. „Ich ändere wenig ab, mache nichts, damit es sich gut anhört.“ Die Wörter ordnen sich dennoch zu Gedichten.


Regen

Morgendämmerung
Hoch blüht schon Licht
Unbekannte Gebiete
Staunen über das Maß
Halten
Ein Gewand
Aus perlmuttfarbenem Glanz

Gestein
Zeichen und Linien
Reste
Geronnene Stunden
Leise Ahnung rinnt in die Haut

Warten
Was die Wirklichkeit bringt

Die Welt ist ein Rätsel
Und wird es bleiben
Keine Antwort ist die Antwort auf alles

In diesen Stunden fällt Regen

Den inneren Gedankenstrom zu Papier zu bringen, ist für Angelika Hentschel nicht schwer. „Es gelingt mir ohne großes Zutun. Als Malerin habe ich manchmal mehr zu kämpfen. Da will nicht alles so gelingen, wie ich mir das vorstelle.“ Doch als Lyrikerin ist sie Medium genug, um ihr kaum konkretes Denken in Worte zu fassen und über die schreibende Hand einfach aus sich herausfließen zu lassen. „Und doch ergeben sie einen Sinn, wenn auch oft keinen direkten Zusammenhang.“
Schließlich entschloss sich Angelika Hentschel 2009, die künstlerischen Arbeiten der Ausstellung „Stadt im Fluss“ in der Esslinger Galerie 13 erstmals durch ihre Gedichte zu ergänzen. Ergänzend, erweiternd, nicht illustrativ oder gar erklärend. Ergänzend, erweiternd, nicht illustrativ oder gar erklärend. Vier Wochen später stellte Angelika Hentschel ihre Lyrik dann auf der LesArt 2009 vor und veröffentlichte kurz darauf ihren ersten Gedichtband „Zwischen dem Jetzt“. Ein Jahr später folgte „Unerhörte Zeiten – Von A bis Z. Zeiten zum Lauschen“.
Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Die Natur erzählt mit ihren Kreisläufen vom Wachsen, Erblühen, Welken und Erneuern. Das Altgriechische „Panta rhei“ – „alles fließt“ – beschreibt diesen ewigen Wandel. Angelika Hentschel spricht die Formel immer wieder aus und sieht sich unter einem Zeitdach an unterschiedlichen Orten umherwandern, dazu geschaffen, diese verfügbare und doch endliche Zeit zu nutzen. Dass irgendwann jeder verschwindet, empfindet sie als Zumutung. „Ich habe ja längst noch nicht alles gesehen und erlebt.“
Ihre Beschäftigung mit der Natur versteht sie immer auch als ein Befassen mit der Zeit.“ Dabei geht es ihr darum, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, nichts zu beschönigen. Ganz konkret kann das bedeuten, dass sie Mooskissen sammelt und daheim über lange Zeiträume verfolgt, wie sich Farbe, Form und Struktur verändern. Angelika Hentschel, die Beobachterin.
Beobachten. Das ist auch die Lieblingsbeschäftigung von „Fräulein Su“. Wie ihre Schöpferin Angelika Hentschel ist das zarte Wesen mit den schmalen Augen aufmerksam. Su trifft in der Natur auf Tiere, die auch Menschen sind, und stellt viele Fragen. Wie ihre Schöpferin spürt sie eine unbestimmte Sehnsucht in sich und ist auf der Suche nach einer letztgültigen Antwort. Noch ist „Fräulein Su“ ein Textfragment.
Prosa? „Für mich sind meine Texte Lyrik“, sagt Angelika Hentschel. „Immer geht es ums Leben, ganz existenzialistisch.“ Die Künstlerin wird Sus Geschichte, von der sie Ausschnitte kürzlich ein erstes Mal in einer Ausstellung hörbar machte, weiterschreiben. Wie sie verläuft, ist noch nicht auszumachen. In jedem Fall hat die Autorin ihrer jüngeren Figur einiges voraus. „Wenn man den Lebenssinn erforscht und dabei auch offen ist für die Religionen, Standpunkte und Überzeugungen anderer, findet man doch zwangsläufig zur eigenen Kindheit zurück.“ Mit dem großelterlichen Garten fing alles an.


Kind

Kleine Hände wachsen in die Gedanken
Wasserkreise aus dunkler Farbe
Im leeren Schatten des Hauses
Ein Band geschlungen
Im weichen Fleisch
Fremdes Erinnern
Die Tür fällt ins Schloss
In dem Kind
Das sich selbst vergisst


Erhältliche Werke:

Angelika Hentschel: „Zwischen dem Jetzt“
Gedichte und Bilder im Fluss der Zeit.
ISBN 978-3-939300-04-5
Civitas Imperii Verlag, Esslingen.

Angelika Hentschel: „Unerhörte Zeiten“
Von A bis Z – Zeiten zum Lauschen.
ISBN-13: 978-3-939300-08-3
Civitas Imperii Verlag, Esslingen.

Weitere Informationen über die Künstlerin:
www.angelika-hentschel.de