Vertrauen auf die Verführungskraft der Literatur
Interview mit Renate Luxemburger und Bettina Langenheim, die das Programm der LesART verantworten

November ist LesART-Zeit. 2017 gehen die Esslinger Literaturtage in die 23. Auflage. Das ganze Jahr über sind Renate Luxemburger, bei der Stadtbücherei Esslingen für Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen zuständig und verantwortlich für das LesART-Programm für Erwachsene, und ihre Kollegin Bettina Langenheim, Leiterin der Kinder- und Jugendbücherei und zuständig für das Programm der Jungen LesART, damit beschäftigt, Neuerscheinungen zu sichten und zu lesen. Die Anfrage der Autorinnen und Autoren muss früh beginnen. Denn die Terminkalender der Schriftstellerinnen und Schriftsteller lässt wenig Spielraum. Ein Gespräch über die lange Phase der Vorbereitung und die Auswahlkriterien.

Frau Luxemburger, beschreiben Sie die LesART bitte in drei Sätzen?
Renate Luxemburger: Bei der LesART stellen wir einen beispielhaften Ausschnitt der Neuerscheinungen vor und AutorInnen, die im Mittelpunkt des literarischen Diskurses stehen. Neben der literarischen Qualität sind uns gesellschaftspolitische Inhalte wichtig. Wir vermeiden bewusst den Eventcharakter und vertrauen auf die Verführungskraft des literarischen Textes – auf den Funken, der überspringt bei der Begegnung zwischen Autor und Leser.

Frau Langenheim, wie viele Bücher nehmen Sie im Vorfeld der Veranstaltung zur Hand und wo lesen Sie am liebsten?
Bettina Langenheim: Ich lese das ganze Jahr, neben meinen privaten Vorlieben, auch sehr gerne Bücher aus dem Kinder- und Jugendbereich. Eine konkrete Anzahl der Bücher, die ich für die LesART in die Hand nehme, kann ich nicht nennen, da ich Kinder- und Jugendbücher auch für andere Veranstaltung lese, etwa für Buchvorstellungen. Mein bevorzugter Platz zum Lesen ist das Sofa.

Wann hat für Sie als Programmverantwortliche die LesART 2017 begonnen?
Renate Luxemburger: Die Abläufe von einer LesART zur anderen sind fließend. Gespräche mit den Verlagen, Autoren und Musikern über Neuerscheinungen, geplante Projekte und Lesereisen sowie die inhaltliche Auseinandersetzung mit den aktuellen Buchpublikationen finden laufend statt. Vielleicht könnte man den Spätfrühling als Startpunkt festhalten, als die Zusage von Ingo Schulze kam, mit dem wir die 23. LesART eröffnen.
Bettina Langenheim: Für mich beginnt jede LesART spätestens im April. Bis dahin muss ein neues attraktives Thema für den Schülerschreibwettbewerb gefunden werden. Die Herausforderung ist, dass sich Schüler von der dritten bis zur neunten Klasse gleichermaßen angesprochen fühlen und mit Spaß Geschichten schreiben.

Frau Langenheim, wie sucht man Bücher für ein junges Publikum aus?
Bettina Langenheim: Neben der Übersicht über die Neuerscheinungen durch Verlagsinformationen, werden auch die Wünsche und Anfragen der Leserschaft in der Kinder- und Jugendbücherei berücksichtigt. Da ich regelmäßig Auskunft gebe, bin ich ganz nah dran am jungen Zielpublikum. Eines der wichtigsten Kriterien für die LesART-Eignung bleibt allerdings die Qualität des Buches.

Frau Luxemburger, ist es einfacher, Debütanten oder bewährte Gäste zu gewinnen? Wen schätzt das Publikum erfahrungsgemäß mehr?
Renate Luxemburger: Ein wichtiger konzeptioneller Baustein der LesART ist die Präsentation junger, vielversprechender Talente. Weniger bekannte Autoren für die LesART zu gewinnen, ist nicht so schwierig, allerdings mit sehr viel mehr Arbeit im Vorfeld verbunden. Dazu gehört das Sichten von Neuerscheinungen oder Druckfahnen. Ich lese rund zwanzig Werke, um mich dann für einen neuen Gast zu entscheiden. Auch der Besuch von Literaturfestivals und Lesungen gehört zur Vorbereitung. Viele der Newcomer, die wir bei der LesART vorgestellt haben, haben sich im Lauf der Jahre einen Namen gemacht und sind als erfolgreiche Autorinnen und Autoren wiedergekommen. Dies hat dazu geführt, dass wir einen guten Kontakt zu sehr vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern sowie zu ihren Verlagen haben. Das trägt letztendlich mit zum großen Erfolg der LesART bei.

Wodurch wird aus so viel Pflicht-Lektüre doch noch Vergnügen?
Renate Luxemburger: Ich gehe mit großer Neugierde und Entdeckerfreude an die Debütromane heran und freue mich auf die neuen Bücher von Autoren, mit denen ich schon lange zusammenarbeite.

Was ist für das Glücken einer LesART-Veranstaltung entscheidender: Eine tolle Story oder ein charismatischer Gast?
Renate Luxemburger: Eine LesART-Veranstaltung gelingt, wenn im Idealfall AutorIn und ModeratorIn zueinanderfinden und das Publikum mitgeht. Oft spielen die Raumverhältnisse eine große Rolle. Die fast intime Atmosphäre, die in unserem Kutschersaal aufkommt, wird von den Besuchern sehr geschätzt und hat uns schon manche Sternstunde beschert.
Bettina Langenheim: Um Kinder oder Jugendliche bei einer Lesung zu begeistern, muss der Autor oder die Autorin Entertainer-Qualitäten mitbringen. Das junge Publikum ist gnadenlos und wird, wenn es gelangweilt ist, unruhig und unaufmerksam. Andererseits ist die Begeisterung ehrlich und herzerwärmend. Selbstverständlich ist ein guter Text die Grundlage für eine gelungene Lesung. Mich begeistert es jedes Mal, wenn ein Autor oder eine Autorin fast 100 Grundschulkinder so in den Bann zieht, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Der laute Jubel nach dem Zuhören ist dann ebenfalls eine tolle Bestätigung.

Abgesehen von den Literaturtagen selbst: Welche Aufgaben bestimmen die heiße Phase der Programmgestaltung und Organisation?
Renate Luxemburger: Ich kuratiere nicht nur das LesART-Programm im Erwachsenenbereich, sondern bin auch für die gesamte Öffentlichkeits- und Pressearbeit zuständig. Der Bogen meiner Tätigkeit spannt sich von der Konzeption der Werbestrategie über die Entwicklung der Plakat- und Programmheftmotive, die redaktionellen Beiträge bis zu organisatorischen Aufgaben. In der Organisation erhalte ich Unterstützung durch meine Kolleginnen Bärbel Aspacher und Renate Strobel.

Wenn Sie sich beide einen LesART-Traum erfüllen dürften: Was wäre die Krönung?
Renate Luxemburger: In diesem Jahr kommt der amerikanische Kultautor T. C. Boyle zur LesART nach Esslingen. Ich lese ihn seit den 80er Jahren mit großem Interesse und habe im Laufe der Jahre schon mehrere Veranstaltungen mit ihm besucht. Dass er eines Tages zur LesART kommen würde, hätte ich vor einem Jahr noch nicht zu hoffen gewagt…
Bettina Langenheim: Leider hat bei mir die Erfüllung eines Traumes nicht mehr geklappt: Ich hätte gerne noch die holländische Autorin Tonke Dragt eingeladen, deren Bücher ich in meiner Jugend geliebt habe und die bis heute gerne gelesen werden. Sie ist aber inzwischen 87 Jahre alt und reist nicht mehr. Einer meiner Träume, den ich vielleicht noch erfüllen kann, ist der irische Autor Eoin Colfer. Neben seinen bekannten Romanen „Artemis Fowl“ hat er liebenswerte und mit britischem Humor durchzogene Kinderbücher geschrieben, die ich sehr liebe. Eines ist zum Beispiel: „Tim und das Geheimnis von Knolle Murphy“.

Welche Rolle spielt das nachwachsende Publikum bei der LesART?
Bettina Langenheim: Die Kinder- und Jugendautoren sind von Anfang an Teil der LesART. Mit 16 Lesungen erreichen wir meistens um die 1.200 Kinder und Jugendliche, die von den Autorenbegegnungen und Werkstattgesprächen nachhaltig profitieren. Das junge Publikum wird dort abgeholt, wo Leseförderung im Vordergrund steht, in der Schule. Deshalb finden dort zwei Drittel der Lesungen für Kinder und Jugendliche statt. Insofern ist die „Junge LesART“ schon immer fester Bestandteil der Literaturtage.

Vielen Dank für die Auskünfte.

Die Fragen stellte die freie Journalistin Julia Lutzeyer