Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Susanne Lüdtke im Interview mit der Journalistin Julia Lutzeyer

Das Literaturgespräch im Sommer 2018 | Robert Musil „Der Mann ohne Eigenschaften“



Am 7. August und an den drei folgenden Dienstagen ermöglicht die Stadtbücherei Esslingen eine intensive Begegnung mit dem „Mann ohne Eigenschaften“. Das 1930 und 1933 in zwei Bänden erschienene fragmentarische Hauptwerk von Robert Musil ist Thema im „Literaturgespräch im Sommer“, das von Susanne Lüdtke geleitet wird. Die Moderatorin der Veranstaltungsreihe „Leselust“ hat am 28. August den Musil-Kenner schlechthin zu Gast: Der Tübinger Literaturwissenschaftler Dr. Karl Corino gibt Einblick in seine Musil-Forschung.

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„Hey, wir lesen Marcel Proust!“

Text: Julia Lutzeyer

Das „Literaturgespräch im Sommer“ 2017 widmet sich dem ersten Band von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ – Einblicke in Veranstaltung und Roman zu Beginn​


Wer gern im Kopf auf Reisen geht, und sei es auf der Suche nach der verlorenen Zeit, der besucht im August die vierteilige Veranstaltungsreihe „Literaturgespräch im Sommer“. Sonja Hollandt aus Ebersbach war schon im Vorjahr mit von der Partie, als sich alles um James Joyces’ Jahrhundertroman „Ulysses“ drehte. „Joyces war für mich eine Offenbarung“, bekennt sie mit einem Leuchten in den Augen. „Jetzt, da ich weiß, was mir sonst entgangen wäre, kann ich sagen: Ich wollte Ulysses nicht missen.“ Es sei ja doch so: „Das Abtauchen beim Lesen führt in eine der besseren Welten.“
Für Sonja Hollandt war daher klar: Auch diesen Sommer will sie beim von Susanne Lüdtke so stringent wie einfühlsam geleiteten „Literaturgespräch“ dabei sein, um mit ihr und anderen Buchliebhabern gedanklich nach Combray und „In Swanns Welt“ zu reisen.

Lesestrategie hilft beim Dranbleiben am Werk


Nach „Ulysses“ im Vorjahr, steht auch dieses Mal ein Meilenstein der Weltliteratur auf dem Programm: Marcel Prousts siebenbändiger Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, von dem die meisten kaum mehr erzählen können als die Madeleine-Episode, in der die sinnlichen Eindrücke beim Eintauchen eines Gebäcks in Tee fast vergessene Erinnerungen wecken. Erschienen sind die Bücher dieses Mammutwerks 1913 bis 1927 und damit teils postum. Der seit seiner Kindheit an Asthma leidende Proust war 1922 an krankhafter Schwäche gestorben, erst 51 Jahre alt.  
An den vier Dienstagen im August sollen sich die Gespräche vor allem um den 1913 erschienenen Eröffnungsband drehen. Allein schon über die deutschen Übersetzungen des Titels „Du côté de chez Swann“ in „Unterwegs zu Swann“, „Auf dem Weg zu Swann“ oder „In Swanns Welt“ lässt sich trefflich debattieren. Geht es um eine Orts- oder eine Richtungsangabe?
Bei der ersten Zusammenkunft im Kutschersaal der Esslinger Stadtbücherei macht Susanne Lüdtke den rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern Mut, nicht nur den ersten Band zu lesen, sondern sich das gesamte Werk zu erschließen: „Sagen Sie sich: Hey, wir lesen Marcel Proust! Und gehen Sie die Lektüre relaxt an: Ob Sie sich täglich 20 Seiten vornehmen oder eine Stunde pro Tag einplanen – eine Strategie fürs Lesen hilft Ihnen dranzubleiben.“ Lüdtke selbst hatte sich 50 Seiten pro Tag als Minimum gesetzt und sich so etappenweise die mehr als 4000 Seiten erschlossen.
Damit ist sie nicht die einzige im Saal. Eine Teilnehmerin entpuppt sich als Proust-Fan und Wiederholungstäterin, die „À la recherche du temps perdu“ sogar in seinem duftigen Französisch kennt, und hält wie zum Beweis ihr zerlesenes Exemplar in die Höhe. Eine Geste, die mehr begeisterte Anhängerschaft als Triumpf ausdrückt.

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„Eine Irrfahrt durchs Leben im 20. Jahrhundert“: James Joyces „Ulysses“

Susanne Lüdtke im Gespräch mit der freien Journalistin Julia Lutzeyer

An vier Dienstagen im August dreht sich in der Stadtbücherei Esslingen alles um James Joyces Mammutwerk „Ulysses“. Geführt und betreut wird das „Literaturgespräch im Sommer“ von Susanne Lüdtke. Als Literaturwissenschaftlerin und Leiterin der Veranstaltungsreihe „Leselust“ weiß sie, wie viel tiefer man in ein Werk eintauchen kann, wenn man es nicht nur liest, sondern sich mit anderen Interessierten über die Sprache, den Stil und das Erzählte auch austauschen kann.

Frau Lüdtke, haben Sie Angst vor James Joyce?

Susanne Lüdtke: Angst nicht, ich würde eher sagen Respekt. Das gilt schon für den Umfang des Werkes, denn gute 1000 Seiten sind allein schon eine Herausforderung. Vielmehr gilt das allerdings für den gewöhnungsbedürftigen Stil des Autors, der uns weniger eine stringente Geschichte erzählt als vielmehr in die Köpfe der Figuren blicken lässt, dabei seine Stilmittel von Kapitel zu Kapitel ändert und auf diese Weise von seinem Lesepublikum Offenheit, Aufmerksamkeit, Flexibilität fordert.

Hand aufs Herz: Haben Sie „Ulysses“ schon einmal komplett gelesen?

Ich hatte bisher immer nur angefangen oder einzelne Passagen gelesen. Um ehrlich zu sein: Das Sommerseminar ist auch (neben der Arbeit) ein bisschen ein Geschenk an mich selbst. Endlich mal Zeit für diesen Jahrhundertroman!

Wenn Sie „Ulysses“ in einem Satz beschreiben sollten, was würden Sie mitteilen wollen?

Ein 18-stündiger Spaziergang am 16. Juni 1904 durch die Stadt Dublin an der Seite des Anzeigenakquisiteurs Leopold Bloom am Strand, durch die Straßen, durch Kaschemmen und Bordelle mit Kumpanen und zufälligen Begegnungen, wobei die Gedanken, Gefühle, Assoziationen und alles, was sonst noch im Kopf herumspukt, eine teils humorvolle, teils rätselhafte Melange mit der Realität eingeht, ja, zur eigentlichen Wirklichkeit wird. 

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