„Hey, wir lesen Marcel Proust!“

 
 
Das „Literaturgespräch im Sommer“ 2017 widmet sich dem ersten Band von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ – Einblicke in Veranstaltung und Roman zu Beginn
 
Wer gern im Kopf auf Reisen geht, und sei es auf der Suche nach der verlorenen Zeit, der besucht im August die vierteilige Veranstaltungsreihe „Literaturgespräch im Sommer“. Sonja Hollandt aus Ebersbach war schon im Vorjahr mit von der Partie, als sich alles um James Joyces’ Jahrhundertroman „Ulysses“ drehte. „Joyces war für mich eine Offenbarung“, bekennt sie mit einem Leuchten in den Augen. „Jetzt, da ich weiß, was mir sonst entgangen wäre, kann ich sagen: Ich wollte Ulysses nicht missen.“ Es sei ja doch so: „Das Abtauchen beim Lesen führt in eine der besseren Welten.“
Für Sonja Hollandt war daher klar: Auch diesen Sommer will sie beim von Susanne Lüdtke so stringent wie einfühlsam geleiteten „Literaturgespräch“ dabei sein, um mit ihr und anderen Buchliebhabern gedanklich nach Combray und „In Swanns Welt“ zu reisen.
 
Lesestrategie hilft beim Dranbleiben am Werk
 
Nach „Ulysses“ im Vorjahr, steht auch dieses Mal ein Meilenstein der Weltliteratur auf dem Programm: Marcel Prousts siebenbändiger Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, von dem die meisten kaum mehr erzählen können als die Madeleine-Episode, in der die sinnlichen Eindrücke beim Eintauchen eines Gebäcks in Tee fast vergessene Erinnerungen wecken. Erschienen sind die Bücher dieses Mammutwerks 1913 bis 1927 und damit teils postum. Der seit seiner Kindheit an Asthma leidende Proust war 1922 an krankhafter Schwäche gestorben, erst 51 Jahre alt.
An den vier Dienstagen im August sollen sich die Gespräche vor allem um den 1913 erschienenen Eröffnungsband drehen. Allein schon über die deutschen Übersetzungen des Titels „Du côté de chez Swann“ in „Unterwegs zu Swann“, „Auf dem Weg zu Swann“ oder „In Swanns Welt“ lässt sich trefflich debattieren. Geht es um eine Orts- oder eine Richtungsangabe?
Bei der ersten Zusammenkunft im Kutschersaal der Esslinger Stadtbücherei macht Susanne Lüdtke den rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern Mut, nicht nur den ersten Band zu lesen, sondern sich das gesamte Werk zu erschließen: „Sagen Sie sich: Hey, wir lesen Marcel Proust! Und gehen Sie die Lektüre relaxt an: Ob Sie sich täglich 20 Seiten vornehmen oder eine Stunde pro Tag einplanen – eine Strategie fürs Lesen hilft Ihnen dranzubleiben.“ Lüdtke selbst hatte sich 50 Seiten pro Tag als Minimum gesetzt und sich so etappenweise die mehr als 4000 Seiten erschlossen.
Damit ist sie nicht die einzige im Saal. Eine Teilnehmerin entpuppt sich als Proust-Fan und Wiederholungstäterin, die „À la recherche du temps perdu“ sogar in seinem duftigen Französisch kennt, und hält wie zum Beweis ihr zerlesenes Exemplar in die Höhe. Eine Geste, die mehr begeisterte Anhängerschaft als Triumpf ausdrückt.
 
Auditive Kostproben
 
Andere Teilnehmer haben mit der Lektüre noch gar nicht begonnen. Sie nehmen das „Literaturgespräch“ als Einführung ins Werk und nähren erst ihren Appetit auf Prousts Sprache und Gedankenwelt. „Schwelgerisch im Kleinen“, sei sie, „sehr französisch in der Schilderung der undurchlässigen Gesellschaftsschichten“, „stets erinnernd, nie gegenwärtig“, „minutiös genau, auch in der Beschreibung banaler Vorgänge“ und immer wieder „obsessiv“ und „instabil“, trägt die muntere Runde ihre Eindrücke zusammen. Ob fortgeschritten in der Lektüre oder gänzlich unbeleckt: Mit gespitzten Ohren und heiligem Ernst sind alle dabei. Diskussionsgrundlage sind immer wieder auditive Kostproben, die dafür sorgen, dass alle Teilnehmer kompetent mitreden können, egal wie lange die Lektüre zurückliegt oder ob man mit dem Lesen noch gar nicht begonnen hat. Die Hintergründe zum Gehörten, Gelesenen und Besprochenen liefert Susanne Lüdtke wohldosiert und punktgenau. So erzählt sie zum Romanbeginn, dass der Autor den ersten Satz seines Epos 16 Mal bearbeitet hat. Mehr als hundert Jahre nach der Veröffentlichung von „In Swanns Welt“ lautet er noch immer: „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.“
 
Wo bitte liegt denn hier die Innovation?
 
Für einen Schriftsteller, der die Gedanken seines Icherzählers kunstvoll zu drechseln versteht und nur ungern durch einen Punkt unterbricht, ist dieser erste Satz auffallend kurz und einfach, stellt die Leiterin des sommerlichen „Literaturgesprächs“ fest. Erhellend auch ein Exkurs zum Entstehungsjahr, eingeschoben von Renate Luxemburger, Koordinatorin der Veranstaltungsreihe. Mit Verweis auf Florian Illies Zeitbild „1913 – Sommer des Jahrhunderts“, erschienen im S. Fischer Verlag, spricht sie von einer gänzlich übermüdeten und erschöpften Avantgarde, die sich als neurotische Nachtschwärmer über diesen Beginn bestimmt gewundert, vielleicht sogar nach einer zeitigen Bettruhe gesehnt habe. „Das Buch erschien ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und passt mit seinem rückwärtsgewandten Weltbild so gar nicht zum vorwärts strebenden Lebensgefühl einer Generation, die von Vatermord und Erneuerung durch Zerstörung phantasierte.“
Ist Proust im Vergleich zu James Joyce also gar kein innovativer Autor? Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. „Neuschöpfungen wie in Ulysses finde ich hier nicht“, merkt einer der wenigen Männer unter den Literaturfreunden an. Die anderen stimmen ihm zu, wenden aber ein, dass die Neuerung bei der „Suche nach der verlorenen Zeit“ wohl eher anderswo liege. „In der Detailbesessenheit, der radikal subjektiven Sicht, die auch Introspektion ermöglicht und scheinbar Nebensächliches zum Thema machte, was frühere Dichtergenerationen nicht zu beschreiben wert fanden“, fasst Susanne Lüdtke zusammen.
 
Die Sichtweisen der anderen
 
„Lesen ist ja ein einsames Geschäft“, sagt ein Mann, der die „Literaturgespräch“-Wochen als Urlaub vom Alltag nutzt. Die „gemeinschaftlichen und umfangreichen Diskussionen über Inhalt, Aufbau und Sprache“ erlebt er als ungemein belebend, wenn auch durchaus als fordernd. „Der Austausch über Literatur ist gut für die eigene Weiterentwicklung“, sagt er. Gerade weil man dabei erlebe, wie unterschiedlich der gleiche Text auf jeden Einzelnen wirkt und wie viele Sichtweisen es gibt. „Das ist ja gerade ein großes Thema, dass man sonst oft nur noch demjenigen zuhört, der eine ähnliche Meinung wie man selbst hat.“
Dass er in der vorwiegend weiblichen Runde zur Minderheit gehört, stört ihn nicht. „Wenn es um Literatur geht, öffne ich mich gerne“, egal ob er nun mit seinesgleichen oder mit Frauen redet. Seine Gesprächspartnerin während der Pause bedauert die Schieflage eher. „Ein paar mehr Männer wären schon ein guter Ausgleich“, meint sie. „Sie schauen anders auf Literatur, oft klarer. Frauen neigen doch sehr zum Psychologisieren.“
 
Impulse zu Werk, Leben und Epoche
 
Für Susanne Lüdtke gilt das nicht: Als studierte Literaturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin bleibt sie ganz beim Werk. Biografisches erzählt sie nur, wenn es das Erzählte erhellt – etwa, dass die Romanfigur Swann von seiner Umgebung trotz christlicher Taufe als Jude betrachtet wird. Hier gibt es inhaltliche Bezüge zur jüdischen Mutter von Marcel Proust. Auch das Bild vom Canal grande in Venedig, mit dem Lüdtke in die komplexe Romanwelt des Sprosses einer wohlhabenden Arztfamilie einstimmte, ist nicht einfach Symbol für den Verfall vergangener Pracht. „Venedig war der Sehnsuchtsort von Proust“, sagt sie und erinnert daran, dass die Lagunenstadt zu den Schauplätzen von Prousts Hauptwerk zählt.
Ein Porträtbild des Schriftstellers, aufgenommen von einem Fotografen der Pariser Hautevolee, gibt den Anwesenden ein Bild des Autors und beleuchtet darüber hinaus Prousts Selbstverständnis und seinen gesellschaftlichen Anspruch.
Originaltext und Informationen aus der Sekundärliteratur, Bild, Ton, Film und Erklärung: Von der Leiterin des „Literaturgesprächs im Sommer“ kommen viele Impulse, die den Zugang zum Werk ebnen, aber auch die Person in seiner Epoche beleuchten. Von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern werden sie flink aufgenommen, durch eigene Eindrücke ergänzt in die Gruppe zurückgespielt. So hat eine aufmerksame Leserin entdeckt, dass scheinbare Wiederholungen, die manche beim Lesen ermüden, gar keine sind. „Eine Passage bleibt nie gleich, Proust schraubt das Geschehen immer ein kleines Stück weiter, und sei es nur durch eine Achteldrehung.“ Einer anderen fielen die ständigen Perspektivwechsel auf: „So wie der Erzähler einen Kirchturm erst von der einen, dann von der anderen Seite beschreibt und dabei ein völlig anderes Bild von dem Gebäude zeichnet, so geht er auch bei den Personen vor: Je nachdem, wer sie betrachtet und über sie spricht, zeichnet ein anderes Porträt.“
 
Der Sprung hinaus aus dem Werk
 
Der ziselierende Blick von Proust Icherzähler schärft den Blick, indem er jeden Eindruck durch andere Eindrücke infrage stellt. Und so schwer es durch den komplizierten Satzbau anfangs sein mag, sich auf die Erinnerungen an Combray und Swanns Welt einzulassen, so schwer scheint es auch zu sein, dieses feinnervig herbeierzählte Universum hinter sich zu lassen. Eine Frau, die etwa die Hälfte des ersten Bandes gelesen hat, beschreibt das so: „Normalerweise lese ich bis zum nächsten Abschnitt oder nächsten Kapitel. Das ist bei Proust kaum möglich, weil er seinen Textfluss nur sehr selten unterbricht: Man muss sich förmlich losreißen und aus dem Ganzen regelrecht herausspringen.“ Da ist es doch tröstlich zu wissen, dass es an drei weiteren Dienstagen heißt: Hey, wir lesen Marcel Proust, vertiefen uns in sein Hauptwerk und in seine Zeit, auch wenn er sie verloren glaubte.
 
 
Text: Julia Lutzeyer