Frauen. Bilder / Verrückungen
oder: Bitte wo ist die bewegte Frau? | Von Julia Lutzeyer

Kapriolen! – Das schlagen nicht nur die überlangen Arme, die Maren Profke zuweilen um ihre gezeichneten Frauen schlingt. Die kann es auch geben, wenn sich zwei Künstlerinnen verbünden, um Weibsbilder in die Welt zu schicken, oder zumindest durch Esslingen.

Beim Kulturfest „Stadt der Frauen“ Ende September 2018 waren die Poetin Anna Breitenbach und die Künstlerin Maren Profke mit einem Handwagen auf den Markplatz gezogen, um dort in einer Live-Performance die Frauendichte der Stadt zu erhöhen. Das taten sie wortreich und bildhaft in aller Öffentlichkeit, wobei sich die auf Mauern, Stromkästen, Pfosten, Brunnen und Briefkästen hinterlassenden Zeichnungen ganz eigenwillig mit den in Kreide hingeschriebenen Bonmots verbündeten.
Da gab es ein haariges Busenmonster mit der Notiz: „Tanzschritt: Ich altere vor und zurück, zu meinem Glück.“ Oder den „Zuspruch: Keine Eile, keine Not, kaum Wasser im Boot“, für eine Riesin in einem winzigen Kahn.
Coram publico stellte das Künstlerinnen-Duo die Frauen-Frage: „Wer sind wir, was können wir, was wollen wir? Begegnen wir, berühren wir?“ – Oh ja!

Wie Komplizinnen ohne Absprache: So muss man sich wohl das kongeniale Zusammenspiel zwischen der Wortkünstlerin und der Linienpoetin vorstellen, die seit 2012 immer wieder gemeinsame Sache machen. Mit unbändiger Lust, Witz und Tücke befeuern sich die Künstlerinnen gegenseitig, aus dem Alltäglichen, zufällig Gefundenen und Naheliegenden das Komische, Abgründige und auch Heroische heraus zu kitzeln. Kaum einmal erklärt sich ein Spruch durch die Zeichnung oder umgekehrt. Ob komisch oder skurril, sperrig oder scheu, übermütig oder gänzlich ver-rückt: Wort und Bild behaupten ihre Eigenart, reiben sich aneinander, bis es nur so funkt und raucht. Die Pointe liegt im Zusammenprall. Ja, man muss vor der subversiven Energie der beiden geradezu warnen. Denn die Kombination ihrer verbalen und bildhaften Einfälle greift den Verstand an und unsere vertrauten An- und Einsichten. Beim Rezipieren dieser Mikro-Dialoge werden Gedanken aus ihren Angeln gehoben. Sie machen einen Satz – und landen: Weiß Gott wo!

Eher Stirn an Stirn als einträchtig Hand in Hand entstehen im Austausch Paarungen, die Küchenkalender füllen oder auf Flyer gedruckt werden. Mal legt die eine, mal die andere ein Werk vor, das – schreibend oder zeichnend erweitert – ein Gegenüber oder auch ein Korrektiv erhält, und damit eine tiefere Lesart. So treibt das Duo klugen Schabernack. Geistreiche Kapriolen eben!

Bevor nun in der Villa Nagel die Zeichnungen von Maren Profke und die Sinngedichte von Anna Breitenbach abermals zu entdecken oder gänzlich neu zu erkunden sind, gilt es noch, von einer dritten Akteurin zu erzählen: von der bewegten Frau.
Dazu muss man wissen, dass einige der gemalten Damen, die sich im September 2018 unters Volk gemischt hatten, beim Festival eigene Wege gingen. Die bewegte Frau erwies sich dabei als besonders abspenstig. Und ausgerechnet sie ist das Covergirl dieser Präsentation geworden: als „Frau in Beschleunigung, Belastung, Stress und hält sich selber grad noch fest.“ – So Anna Breitenbach über eben jene.
Wo war diese Meistgesuchte? Eine Geschichte wie ein Krimi: „Zeugen gesucht: Wer hat diese Frau gesehen?“ – war vergangenes Jahr am 12. Dezember in der Stuttgarter Zeitung zu lesen. Auf dem Fahndungsfoto ein verspultes Wesen – fraglos weiblich. In dem Artikel hieß es: die Abgelichtete sei „beim Kulturfestival von einer Unbekannten vom Ausstellungsort am Esslinger Rathausbrunnen wegbewegt worden“. Und weiter: „Die bewegte Frau soll eine Ausstellung zieren, die bei den Frauenwochen am 28. März 2019 in der Villa Nagel in Esslingen beginnt.“

Dieser Termin ist heute und damit der Auftakt zur Ausstellung, die zugleich Performance, Künstlerinnengespräch und lesende Führung ist. Dazu sind Sie herzlich eingeladen.

Doch der Krimi ist noch nicht zu Ende erzählt. Der in der „StZ“ publizierte Aufruf rief sodann die Polizei auf den Plan, die per Mail ihrem „Strafverfolgungszwang“ nachkam. Betreff: „Kunstraub“. Und dann: „...durch einen Artikel haben wir vom Diebstahl Ihres Bildes erfahren. Haben Sie den Verlust schon zur Anzeige gebracht?“ So die offizielle Anfrage an die Künstlerinnen.
Die entschieden weise, dass nach der vermeintlichen Kidnapperin des Corpus Artisti nicht gefahndet werden soll. Radikal soft – sahen sie in dem Vorfall kein Verbrechen, sondern ein Happening.
Dass sich da ein Motiv auf Karton – ähnlich wie ein Flugblatt – auf die Socken machte: Tolle Sache eigentlich! Und der Beweis: Kunst kann etwas bewegen. Besonders die Frau!

Ganz ohne Tatü-Tata kehrte die „Bewegte“ zurück. Eine zweite Mail traf ein: „Ihr Lieben“ schrieb da eine Klara. „Ich habe das Bild mitgenommen ... Ihr bekommt es natürlich zurück. Wo soll die Übergabe stattfinden?“
Winterfest verpackt kehrte die Vermisste nach Esslingen zurück. Wo sie gewesen ist? Nur so viel: Symmetrisch angelegte Prachtstraßen, weitläufige Parkanlagen und barocke Schlösser hat sie gesehen. Fachwerkhäuser weniger.

Die führen uns zurück zur Ausstellung und zu einem Motiv, dem Anna Breitenbach und Maren Profke ein Fanzine gewidmet haben. Dieses Magazin für die Liebhaber von Behausungen aller Art trägt den Titel „Häuserdichte“, erkundet das Haus in der Sprache und zeigt, was sich unterm Giebeldach so alles erleben lässt.
Ein „Schneckentag“ zum Beispiel, wie Anna Breitenbach vorschlägt: „Bin im Haus, mach nicht auf! Bin daheim, lass kein’ rein, Klopfen zwecklos, komm nicht raus, Rufen sinnlos, geht nach Haus!“ Maren Profke zeichnet ein Haus ohne Tür und Fenster, dafür mit Ausguck in unerreichbarer Höhe und einer Antennenlandschaft auf dem Dach. Regnen tut’s auch noch.

„...geht nach Haus!?“ – Nicht zu dieser frühen Stunde, liebes Publikum. Die Präsentation unter dem Dach der Villa Nagel will erst entdeckt sein. Vier Tage lang besteht Gelegenheit dazu. In denen werden Anna Breitenbach und Maren Profke ihre schöpferische Frauenbewegung weiterspinnen. Um es frei nach der Poetin zu sagen: „Wird Zeit, dass wir uns geschlossen der Freiheitsbewegung anschließen“ und schauen, was die auf die Räume verteilten Figuren so alles anstellen mit ihrem zuweilen häuslichen Eigenleben. – Viel Vergnügen!